Den Tagen mehr Leben geben – Wenn Palliativ und Demenz zusammentreffen
Ein Beitrag von Anja Müller, Fort- und Weiterbildung
Es ist ein sonniger Julitag, als ich den Flur der Palliativstation des RoMed Klinikums Rosenheim betrete. So gar nicht typisch Krankenhaus, denke ich. Hier steht ein kleiner Tisch, hübsch geschmückt mit Blumen und einer Kerze, da ist ein kleiner Balkon mit viel Grün und dem Blick über Rosenheim in die bergige Weite.
Da kommt sie mir schon entgegen, Elke Hunklinger, mit der ich verabredet bin an diesem Nachmittag. Sie ist eine erfahrene Gesundheits- und Krankenpflegerin, nunmehr seit acht Jahren im Team der Palliativstation. Ich dagegen bin noch neu hier, ein bisschen vorsichtig – schließlich ist dies die Station für Menschen, die an einer nicht mehr heilbaren Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium leiden. Das klingt zunächst nach Schrecken und Ende, und doch erlebe ich diesen Ort als freundlich und einladend. Elke Hunklinger und ich setzen uns in eine gemütliche Ecke, vor uns ein Kaffee, neben uns ein Bücherregal, eine Gitarre, sogar ein Klavier.
Würdevoll am Lebensende: Symptome kontrollieren und Sterben begleiten
Zehn große, helle Einzelzimmer stehen den Patientinnen und Patienten hier zur Verfügung. Um sie kümmern sich pro Schicht ein bis drei Pflegekräfte, und natürlich es gibt es mehrere speziell ausgebildete Fachärzte. Das Team wird bereichert durch Seelsorger, Physio- und Ergotherapeutinnen, Musiktherapeuten, Sozialpädagoginnen, Logopäden, Hospizhelfer, Entspannungstherapeutinnen sowie PsychologInnen.
Der Schwerpunkt der Behandlung liegt nicht auf kurativen Therapien, sondern vielmehr in der Symptomkontrolle des Krankheitsverlaufs von Patienten, sodass in vielen Fällen anschließend eine ambulante Weiterversorgung wieder möglich ist. Denn, so Elke Hunklinger: „Palliativ ist keine Sackgasse – wenn die Symptome behandelt worden sind, ist oft noch eine lebenswerte Zeit vorhanden.“ Aber auch das ist Teil des Alltags auf der Station: Menschen werden hier in der letzten Phase einer Erkrankung im Sterbeprozess begleitet. Sie können hier „in Ruhe sterben“, so nennt es Elke Hunklinger. Manchmal geschehe das schon wenige Stunden, nachdem sie angekommen sind.
Ich finde, das klingt tröstlich.
Palliativ und Demenz - Manchmal ein Wechselspiel
„Wir haben hier PatientInnen aller Altersklassen. Und jede/r ist einzigartig und hat einen eigenen Weg, mit der Endlichkeit und dem Sterben umzugehen. „Menschen aus anderen Kulturen haben häufig ihre eigenen, uns unbekannte Wege, zu gehen oder zu trauern“, meint Frau Hunklinger. Manchmal können fehlende Deutschkenntnisse zum Problem werden, manchmal aber auch eine generelle zunehmende Orientierungslosigkeit – etwa wenn kognitive Beeinträchtigungen vorliegen wie bei zerebralen Metastasen oder einer fortgeschrittenen Demenz. Immer mehr Menschen am Lebensende seien dement, so Hunklinger. Und Demenz könne auch ein Grund für eine palliative Behandlung sein. Palliative Menschen und demente Menschen haben viel gemeinsam, etwa dass sie sich nicht mehr gut verständlich machen können, dass sie sich in ihrer Mimik ähneln oder dass sie zuweilen abwehrendes Verhalten zeigen.
Wie es sich anfühlen kann, an einer Demenz zu leiden, zeigt eindrucksvoll der britisch-französische Spielfilm „The Father“ aus dem Jahr 2020 – er erzählt die Geschichte aus der Sicht des Erkrankten. Die Demenz ist wie eine andere Welt – und dahin und zu den Erkrankten eine Verbindung aufzubauen, ist ein äußerst herausforderndes Unterfangen. Aber es gibt Wege, betont Elke Hunklinger und erzählt in diesem Zusammenhang auch von ihrer kürzlich abgeschlossenen Fortbildung: Die „Demenzexpertin“ – erstmals angeboten im Juni 2025 von RoMed Fort- und Weiterbildung, mit einem Refresher-Kurs Anfang dieses Jahres. Hunklingers Projektarbeit: die Gestaltung einer Orientierungsmappe für den Umgang mit Demenzpatienten – mit Dingen, die stimulieren und möglicherweise Erinnerungen wecken können bei den Patienten: bekannte Sprichwörter, plakative Bilder, eine Bücherliste oder Tipps für geeignetes Essen und Trinken für Demenzerkrankte. Alles wertvolle Gesprächsanreize, die trotz der Krankheit eine gewisse Wachheit und Freude beim Patienten hervorrufen können.
Demenzexpertin: da sein für andere und sich selbst
Als ich Elke Hunklinger im Frühjahr 2026 noch einmal besuche – der Demenzkurs ist mittlerweile abgeschlossen – hat die Orientierungsmappe Zuwachs bekommen: eine ganze „Beschäftigungskiste“ für PatientInnen gibt es inzwischen mit einem flauschigen Stofftier und anderen Gegenständen zum Greifen und Erinnern – eine für Frauen und eine für Männer. Was es auch gibt für die PatientInnen: Live-Musik zweimal im Monat und Live-Hundebesuch einmal pro Woche. Viele mögen diese Stunden sehr, und wer nicht, muss auch nicht dabei sein.
Elke Hunklinger schätzt die besondere Atmosphäre der Palliativstation, einer Station mit mehr Zeit für den und die Einzelne. Auch wenn es hier oft um das Lebensende, das Sterben geht, so ist es doch auch ein Ort der schönen Momente, der intensiven Begegnungen, des Sich-Erinnerns und noch einmal Staunens – auch und gerade für Menschen mit Demenz. Ihnen und allen anderen eine würdevolle Begleitung zu ermöglichen, darum geht es hier. Und das ist keine Einbahnstraße – sie bekomme viel zurück, sagt Hunklinger. Und das ganze Palliativ-Team achte auf die eigene psychische Gesundheit – mit regelmäßiger Supervision, interdisziplinären Teamtreffen und regelmäßigen Fortbildungen wie der zur „Demenzexpertin“.


